Bericht vom Ochsenweg Hærvejen: Ein Extremläufer auf Familientour

Bericht: Ein Extremläufer auf Familientour
Bericht eines Extremläufer von einem Sommerurlaub mit der Familie entlang des Ochsenweg Hærvejens. Von Viborg nach Wedel, 20 km westlich von Hamburg.

von Henning Bechmann

Ekstemløber på familieferie

Hintergrund

Ich sehe mich hauptsächlich als Marathonläufer, nehme aber natürlich auch an vielen anderen offiziellen Läufen teil. Bei diesen Läufen geht es um Zeiten, und auch das Training erfolgt zu einem großen Teil mit der Stoppuhr. In den letzten Jahren wurde mein Bedürfnis, diesen Zeitfaktor zu eliminieren und einfach nur die Freiheit und die Natur zu genießen, immer größer. Das hat mich zur dieser Tour den Ochsen- und Heerweg entlang inspiriert; einer Tour, die auf minimaler Planung, möglichst wenigen Regeln, minimalem Gepäck sowie maximaler Natur und Freiheit basiert.

Während der Detailplanung schauten mir meine beiden Kinder öfter mal über die Schulter. Ich fragte sie, ob sie Lust hätten mitzukommen, aber eigentlich wusste ich, dass es letztendlich nichts für sie war. Doch schließlich sagten sie ja, und plötzlich galt es, eine völlig andere Tour zu planen. Jetzt waren meine 17-jährige Tochter Cirkeline und mein 13-jähriger Sohn Mikkel Teil des kleinen Teams und würden mich mit dem Rad begleiten, denn ich wollte die Tour natürlich laufen.

Wir starteten am 27. Juli 2014 um 8 Uhr am Bahnhof von Viborg in der Erwartung, 7 bis 10 Tage später das 20 km westlich von Hamburg gelegene Wedel zu erreichen. Eine Tour von erwarteten 540 km, die schließlich 538 km lang war. Nur eines stand wirklich fest: Es sollte keine Hilfe durch ein Begleitauto oder vorbereite Depots geben, und jeder trug sein eigenes Gepäck. Zuvor hatten wir uns bei der Touristeninformation Viborg erkundigt, ob wir besser die Wanderroute oder die Fahrradroute wählen sollten. Man sagte uns, dass wir ohne Weiteres die Wanderroute wählen könnten, auch wenn zwei von uns mit dem Fahrrad unterwegs waren. Und das taten wir.

Die Wanderroute

Von Beginn an erwartete uns eine wirklich gut ausgeschilderte Route. Wir kamen sicher aus Viborg heraus und auch anschließend war die Beschilderung sehr gut. Ein paar Schilder waren etwas versteckt und einige fehlten auch ganz, aber insgesamt tauchten sie in regelmäßigen Abständen auf, so dass man nach einem längeren Abschnitt ohne Schilder schnell sicher sein konnte, falsch gefahren bzw. gelaufen zu sein. Doch das war wie erwähnt nur ganz selten der Fall und bescherte uns keine nennenswerten Umwege.

Wir hatten den Heerwegs-Führer gekauft, der uns vor allem einen Einblick in die historischen Aspekte des Wegs gab. Er ist sehr durchdacht und bietet solide Fakten und unterhaltsame Geschichten. Zum Buch gehören Karten, nach denen wir uns auch orientierten.

Das unübertroffene Werkzeug war jedoch die Heerweg-App. Mit der App auf dem Handy konnte man genau da zoomen, wo man sich gerade befand, und bekam angezeigt, wo es weiterging. Und das bis ins kleinste Detail. So konnte man beispielsweise erkennen, ob die Route rechts oder links an ein paar Bäumen vorbeiführte. Fantastisch! Und noch etwas: Unser Standort war mit einem Punkt markiert, wenn wir stillstanden. Wenn wir uns nach vorwärts bewegten, wurde aus dem Punkt ein Pfeil. Damit konnte man in der App sehen, ob man sich im Vergleich zur Route in die richtige Richtung bewegte. Man brauchte nur 5-10 m zu gehen – schon wusste man Bescheid. Genial!

Hinsichtlich der Beschaffenheit der Route hatte man uns gesagt, dass man selbst auf der Wanderroute mit einem Rennrad, also mit schmalen Reifen, fahren könne. Der Wanderroute war wirklich gut, aber mit einem Rennrad war sie nun wirklich nicht zu bewältigen. Man benötigt ein kräftiges Fahrrad mit breiten Reifen. Da unsere beiden Radfahrer Mountainbikes hatten, war das kein Problem. In den Wäldern gab es einige Wurzeln und an manchen Stellen auch einen weichen Belag, was den Rädern einiges abverlangte, mehr aber auch nicht. Der Untergrund wechselte zwischen Waldwegen, Feldwegen, Schotterwegen, Eisenbahnpfaden und asphaltierten Wegen.

Overnatning langs Hærvejen

Unterkünfte entlang des Ochsenwegs Hærvejen

Es gab zahlreiche Schutzhütten (Shelter) entlang der Route, die meisten mit Wasseranschluss, eine sogar mit WC. Die Plätze waren sehr schön und gepflegt und machten Lust darauf, dort zu übernachten. An vielen Stellen waren Tische und Bänke aufgestellt, an anderen gab es kleine Windschutzhütten ebenfalls mit Tisch und Bänken – alles wirklich sehr gepflegt.

Ansonsten traf man alle 20 km auf eine Herberge. Ausgezeichnet! Es gibt eine kleine Broschüre mit Adressen und Telefonnummern sowie kleinen Fotos der Herbergen. Diese kann man im Internet auch als pdf-Datei herunterladen. Wir übernachteten zwei Mal in Herbergen, in Jelling und in Immervad. Beide waren mit Schlafsälen und Etagenbetten, Duschen und Küche ausgestattet, wo man mitgebrachtes Essen zubereiten konnte. In Immervad konnte man sogar Lebensmittel aus der Gefriertruhe kaufen und sie auf dem Herd oder im Backofen zubereiten. Wirklich toll! Beide Herbergen waren einladend und sehr sauber.

Unterwegs stießen wir auf zahlreiche Stände, an denen Einheimische verschiedene Produkte zu günstigen Preisen verkauften. Einige hatten leichtes Essen und Wasserflaschen im Angebot, andere Süßigkeiten, Riegel, Getränke und sogar Blasenpflaster. Die Preise waren auf einem Zettel aufgeführt und zum Bezahlen stand eine Geldkassette da. Eine tolle Geste!

Wir waren überrascht, durch wie wenige Ortschaften wir unterwegs kamen. Das erfordert Planung beim Proviant, vor allem wenn man mit so wenig Gepäck unterwegs ist wie wir. Verlässt man jedoch die Route, kann man mehr Orte erreichen.

Außergewöhnliche Erlebnisse

Wir hatten viele Erlebnisse auf unserer Tour, verzichteten aber auch auf einige, denn wir wollten ja unser Ziel erreichen. Die nahegelegenen Erlebnisse genossen wir, die weiter abseits der Route ließen wir aus. Unsere Erlebnisse waren nicht nur geschichtlicher Art, sondern vor allem von der Natur geprägt. Dazu gehörte beispielsweise ...

wildes Obst entlang der Route wie Himbeeren, Äpfel, Mirabellen und Birnen zu essen

uns in der Sommerhitze unter der Beregnungsanlage eines Bauern abzukühlen

in den hohen Maisfeldern auf Entdeckungstour zu gehen, natürlich ohne das Getreide in Mitleidenschaft zu ziehen

im Aussichtsturm am Waldrand eine Pause einzulegen und über die Heide zu schauen

im Heu, das zufällig auf dem Feld lag, zu toben

mit ausgegrabenen Kartoffeln, die nutzlos auf den Feldern lagen, eine Kartoffelschlacht zu machen

Rundballen zu besteigen und sie gemeinsam zum Rollen zu bringen

Jelling Monumenterne

Weitere ganz natürliche Erlebnisse waren ...

der wunderschöne Hald See und das Hügelgebiet Dollerup Bakker

der stillgelegte Bahnhof in Bindeballe mit Zug und Waggons

der gemütliche Bindeballe Købmandsgård

die historische Kirche von Jelling, das Jelling-Monument und die beeindruckenden Jelling-Steine, der „Taufschein Dänemarks“

die ehemalige Landesgrenze am Kongeå, die uns zum Nachdenken anregte

die schönen Brückenkonstruktionen Immervad-Brücke, Povls Brücke und Gejå-Brücke

die Geschichte der Freiheitsbrücke

der mit einer Schranke markierte Grenzübergang in Bov, der nicht nur die deutsch-dänische Grenze, sondern auch die Grenze zwischen dem Heerweg und dem Ochsenweg ist

Der weitere Verlauf – der Ochsenweg

Bei der Planung unserer Tour stellten wir schnell fest, dass der Heerweg in Dänemark eine größere Attraktion ist als der Ochsenweg in Deutschland. Der Ochsenweg ist auch keine Wander- und Radroute, sondern der Touristeninformation Viborg zufolge nur eine Radroute. Wir sahen allerdings Schilder mit einem Fußabdruck und der Aufschrift „Pilgerroute“, die wohl einen Wanderweg markierten. Dieser Wanderweg war jedoch häufig identisch mit der Fahrradroute, wenn auch nicht immer.

Da der deutsche Ochsenweg eher eine Radroute ist, führte er uns weite Strecken über asphaltierte Nebenstraßen. Die Route durch Deutschland verlief auch durch schöne Wälder und andere Naturgebiete, verlor aber allmählich den landschaftlichen Reiz, der den dänischen Heerweg prägt. Unsere vorletzte Etappe, also km 120 bis 60 bis zum Ziel in Wedel, bestand aus langen, geraden Asphaltwegen und war ausgesprochen langweilig im Verhältnis zum dänischen Heerweg. Der Ochsenweg führte uns jedoch durch mehrere Städte, wie Flensburg, Rendsburg und Neumünster, sowie durch mehrere Kleinstädte. Das bedeutete mehr Proviantierungsmöglichkeiten sowie mehr Menschen.

In Deutschland sahen wir auch keine Herbergen. Wir waren auf Hotels und Campingplätze angewiesen und übernachteten einmal auch privat – indem wir einfach an der Tür klingelten.

Was hat uns die Tour gebracht?

Wir hatten eine tolle und abwechslungsreiche Tour mit guter Gemeinschaft, weit weg von PlayStation und Facebook. Wir waren in engem Kontakt miteinander und mit der Natur. Wir schätzten die Gesellschaft des anderen, ein Bett zum Schlafen, eine Dusche und die einzelnen Mahlzeiten sehr viel mehr als im geborgenen und bequemen Zuhause, wo all diese Dinge eine Selbstverständlichkeit sind.

Außerdem gab es für uns eine sportliche Perspektive, bei der es um eine Leistung und das Erreichen eines Ziels ging. Die Begeisterung bei der Ankunft in Wedel war daher auch nicht zu verhehlen. Es war eine Erlösung und ein Erfolg. Es war das Ende vieler strapaziöser Tage, an denen wir uns von 7.30 Uhr morgens bis 18 Uhr abends und manchmal noch länger draußen in der Sonne aufhielten, ganz minimalistisch und nur mit dem, was wir tragen konnten. Es gab keine Ausfälle – wir waren noch immer alle zusammen. Wir alle konnten die Zielankunft erleben. Keiner musste aufgeben. Wir hatten es geschafft. Wir hatten gewonnen! Gegen uns selbst gewonnen!

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Packliste – Henning

Mein Laufrucksack wog 4 kg, ein Gewicht, mit dem ich erfahrungsgemäß unbeschwert laufen kann. Alles war in durchsichtige Tüten verpackt, um sehen zu können, was wo war, um Ordnung zu halten und um meine Sachen vor Regen zu schützen. Der Rucksackt enthielt:

  1. Lange Kompressions-Lauftights, ein langärmeliges Kompressions-Laufshirt, das ich abends trug und manchmal auch zum Schlafen benutzte.
  2. Eine leicht gefütterte Newline-Laufjacke mit abzippbaren Ärmeln, die auch als Weste benutzt werden kann, für eventuelle kühle Nächte und Morgen oder bei viel Wind.
  3. Ein 500 g schwerer Schlafsack.
  4. Eine zusammenklappbare Zahnbürste, eine Minitube Zahnpasta sowie ein Taschenmesser für diverse Zwecke.
  5. Kreditkarte, Handy und Ladegerät sowie eine kleine röhrenförmige Powerbank für die Fälle, in denen man bei Tagesende Strom benötigt.'
  6. Kleine wiederverwendbare Trinkgefäße mit jeweils 200 ml Wasser, gekauft bei Intersport für DKK 30,- pro Stück.
  7. Einen kleinen, leichten und billigen Regenponcho, gekauft bei Intersport für DKK 20,-.
  8. Außerdem geringe Mengen Verpflegung nach einem Einkauf.

Packliste – Kinder

Die Kinder hatten etwa das Gleiche in ihren Rucksäcken. Da sie ihr Gepäck nicht so tragen mussten wie ich, hatten sie vielleicht etwas mehr dabei. Außerdem hatte eines der Kinder Fahrradflickzeug dabei:

  1. Flickzeug mit Leim, Flicken und Ventilgummi
  2. Zangen zum Halten des Flickens, bis der Leim trocken ist
  3. Einen verstellbaren Rollgabelschlüssel
  4. Inbusschlüssel in den richtigen Größen für die Räder
  5. Die Kinder fuhren mit Mountainbikes mit etwas gröberen Reifen und hatten keinen Platten.